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Nachtrag zu „Über den sexuellen Missbrauch in der kath. Kirche“ 1. Mai 2010

Posted by Stef in Christentum, Missbrauch.
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Hier noch ein Nachtrag zu meinem vorigen Beitrag „Über den sexuellen Missbrauch in der kath. Kirche„:

Ich habe letzten Dienstag an der im letzten Artikel genannten Podiumsdiskussion über den „sexuellen Missbrauch in der Kirche“ (Jesuiten, München) teilgenommen. Und es war wirklich sehr interessant und aufschlussreich.

Schade fand ich nur, dass im Hinblick auf die in der letzten Zeit so intensiv geführten Diskussion zu diesem Thema verhältnismäßig wenige Besucher da waren. Ich vermute, dass es eben eine Sache ist, als Unbeteiligter „aus der Ferne“ mit zu diskutieren, eine andere sich ernsthaft(er) mit dem Thema zu beschäftigen und es wirklich an sich (persönlich) heran zu lassen. D.h., wenn eine Sache für einen selbst konkreter wird, dann ist das Interesse offenbar nicht mehr ganz so groß…

Wie dem auch sei, im Folgenden möchte ich ein paar Punkte aufgreifen, die ich aus der Veranstaltung mitgenommen habe:

  1. Das, was in der Zeitung über die Missbrauchsfälle steht stimmt (tatsächlich), betonte gleich zu Anfang ein Kirchenvertreter. Diese Aussage war m.E. wichtig, da doch das eine oder andere Kirchenmitglied in der Vergangenheit von einer „Hetzkampagne“ der Medien gegen die Kirche gesprochen hatte. Natürlich waren und sind die Medien nicht immer besonders objektiv und bauschen aus Vermarktungsgründen auch mal das eine oder andere Thema auf. Aber das machen sie m.E. bei allen brisanten Themen, nicht nur bei kirchlichen.
  2. Sexueller Missbrauch ist so schwerwiegend, dass man unter Psychologen von „Seelenmord“ spricht. D.h. die Betroffenen sind für ihr Leben lang psychisch schwer geschädigt. Das bestätigte mich in meiner Einschätzung, dass sexueller Missbrauch zu den schlimmsten Vergehen gehört, die Menschen einander antun können.
  3. Lt. der Missbrauchsbeauftragten des Jesuitenordens würde die strafrechtliche Verfolgung der Taten den Opfern (i.d.R.) nicht viel helfen. Im Gegenteil, viele Opfer wollen gar keinen Prozess, da sie diesen emotional nur schwer durchstehen könnten. Denn sie würden dann wieder mit dem Täter und vor allem auch mit dessem Rechtsanwalt konfrontiert werden, der i.d.R. kritische Fragen stellen und die Glaubwürdigkeit des Opfers möglicherweise anzweifeln wird. Das Bezweifeln des Missbrauchs bzw. der Umstand, dass dem Opfer (wieder) nicht geglaubt wird, wäre eine erneute massive Belastung für das Opfer. D.h. das, was der Kirche in der Öffentlichkeit mit am meisten vorgeworfen wurde, nämlich, dass sie nicht alle Missbrauchsfälle (sofort) der Staatsanwaltschaft gemeldet hatte ist zumindest für die meisten Opfer selbst nicht so relevant bzw. sogar gar nicht erwünscht gewesen.
  4. Genauso wäre ein öffentlich machen der Missbräuche oft kontraproduktiv, nämlich dann, wenn die Namen der Opfer bekannt würden. Diese seien nämlich dann oft von ihrer Umgebung beschämenden Vorwürfen ausgesetzt wie z.B. in einem Fall, wo sinngemäß zum Missbrauchsopfer gesagt wurde: „Du bist schuld, dass wir jetzt keinen Pfarrer mehr haben!“. Es ist zwar kaum zu glauben, dass den Opfern zusätzlich zu ihrem Leid auch noch solche (unberechtigte) Vorwürfe gemacht werden, aber dies kommt in der Praxis leider wohl all zu oft vor.
  5. Lt. der Erfahrung der eingeladenen Ärztin und Psychotherapeutin (Arbeitsgebiet Sexualmedizin/Missbrauch) sind übrigens viele Opfer erst Jahrzehnte später in der Lage über den Missbrauch zu sprechen. Selbst in einer Therapie bräuchte es oft fünf Jahre und mehr bis sich die Opfer dem/der Therapeuten/in bzgl. dieser Dinge öffnen könnten. Erschwerend komme dann oft noch das Problem der Finanzierung der Therapie hinzu, da von den Krankenkassen häufig so lange Therapien gar nicht bezahlt werden würden.
    Ich persönlich finde es schlimm mir vorzustellen, dass es Missbrauchsopfer in unserer Gesellschaft gibt, denen nicht geholfen wird bzw. werden kann, da sie entweder (noch) nicht über ihr Trauma sprechen können oder aus finanziellen oder anderen Gründen keine ausreichende Hilfe in Form einer Therapie erhalten (können).
  6. Bzgl. der Täter sagte die Expertin, dass viele ihre Vergehen erst viele Jahre später realisieren würden (selbst nach jahrelanger Haft und Therapie). Viele hätten wohl gar kein richtiges Schuldbewusstsein, da sie die Tat bzw. Taten völlig verdrängten bzw. als nicht verwerflich ansehen würden. Das könnte m.E. erklären, warum die Beichte oft wenig hilft, da der Missbrauch gar nicht vom Täter (als Sünde) er- und bekannt wird.
  7. Die besagte Ärztin konnte übrigens den im letzten Artikel von mir erwähnten Zusammenhang zwischen Homosexualität und Pädophilie nicht bestätigen.
  8. Einer der kirchlichen Vertreter vermutete übrigens, dass sich viele der Verantwortlichen wohl deshalb so wenig um die Opfer gekümmert hätten, weil es für sie einfacher („weniger anstrengend“) war, einfach nur die Täter „abzuschieben“ anstatt sich mit der Situation und dem Leid der Opfer auseinander setzen zu müssen (Eigenschutz vor Opferschutz). Damit war das Thema für sie offenbar erst mal erledigt (d.h. das „Problem“ war nun nicht mehr in ihrem Verantwortungsbereich). Sie machten sich vermutlich keine weiteren Gedanken, was aus den Opfern und dem Täter weiter werden würde. Und scheinbar belastete sie der Gedanke nicht so sehr (wenn sie ihn überhaupt hatten), dass sich der Täter in seiner neuen Wirkungsstätte neue Opfer suchen könnte.
    Dieser (menschliche) Mechanismus, Verantwortung nicht wirklich (im vollen nötigen Umfang) anzunehmen, um sich dadurch selbst von schwierigen, belastenden und oft langwierigen Themen zu entbinden kenne ich übrigens auch aus eigener Erfahrung. So hatte man sich in einer evang. Einrichtung eines offensichtlich unbequemen Therapie-Patienten (ein mit mir befreundeten Alkoholiker) auf absolut nichtchristlicher Art und Weise entledigt und selbst auf meinen Einspruch hin nicht positiv reagiert.
    In einem anderen Fall wurde ein demenzkranker Rentner (mein ehemaliger Nachbar) offensichtlich von einer betrügerischen Pflegerin um sein Vermögen gebracht, womit sich aber weder staatliche Stellen noch ein involvierter Rechtsanwalt wirklich beschäftigen wollten.
    In beiden Fällen handelte man zwar formal korrekt (zumindest in der eigenen Auslegung der Sachverhalte), aber man wollte den Opfern ganz offensichtlich nicht auf „eigene Zeit und Kosten“ helfen.
  9. Ein weiterer kirchlicher Vertreter, der mit der Aufarbeitung der Missbrauchsfälle z.Z. befasst ist, wies auf die Problematik hin, dass mancher in der Kirche (bzw. im Jesuitenorden) die Diskussion über die Missbrauchsfälle lieber schon beenden wollte, da doch „jetzt schon lange genug über dieses Thema gesprochen wurde und es doch endlich mal wieder Schluss sein muss“.
    Daraus lässt sich m.E. erkennen, dass viele der Beteiligten die Schwere und das Ausmaß dieser Kirchenkrise gar nicht wirklich erfasst haben bzw. nicht verstehen, dass mit ein paar Entschuldigungen das „kirchen-systemische“ Problem noch lange nicht gelöst ist. Dieses Verhalten ist mir übrigens aus meiner eigenen Missbrauchserfahrung (jedoch nicht sexueller, sondern geistlicher Art) in einer (nicht-katholischen) Freikirche bekannt (siehe „Über mich“ bzw. „Geistlicher Missbrauch„). Das ist m.E. auch nicht weiter verwunderlich, denn wenn die entsprechenden Verantwortlichen sich dieser Problematik wirklich bewusst gewesen wären bzw. sie wirklich verstanden hätten, dann hätten sie ja schon sehr viel früher – von sich aus – gehandelt. Leider hatte es ja dem Druck der Medien bedurft, um die Aufarbeitung der Missbrauchsfälle ins Rollen zu bringen.
  10. Von kirchlicher Seite wurde zum Schluss bemerkt, dass es als Prävention für sexuellen Missbrauch bzw. um einen besseren Umgang mit diesem zu gewährleisten, wohl hilfreich wäre, wenn mehr (bzw. überhaupt) Frauen Verantwortung in den entsprechenden Leitungsgremien der jeweiligen kirchlichen Einrichtungen erhalten würden.

Zum Schluss noch einige Adressen zum Thema, die bei der o.g. Veranstaltung in Form von Handzetteln auslagen:

Missbrauchsbeauftragte des Erzbistums München und Freising:

  • Frau Dr. Elisabeth Bleske
  • Monsignore Dr. Siegfried Kneißl
  • Frau Andrea Maria Schober, Dipl.-Theol.
  • Sekretariat und Vermittlung: (089) 2137-2313

Missbrauchsbeauftragte des Jesuitenordens:

  • Ursula Raue, Leipziger Platz 3, 10177 Berlin,
    Tel: (030) 32766710, Fax: (030) 32766715

Hotline der Deutschen Bischofskonferenz:

  • Tel: 0800 120 1000
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Kommentare»

1. Rika - 3. Mai 2010

Nach allem, was ich vom Thema verstehe, muss diese Veranstaltung wirklich qualifiziert gewesen sein. Danke für diese Darstellung.
Rika

Stef - 3. Mai 2010

Ja, die Podiumsdiskussion war wirklich sehr gut und den Beteiligten ging das Thema auch ganz offensichtlich sehr zu Herzen.
Freut mich, dass meine Zusammenfassung, dies offenbar ganz gut herüberbringen konnte.
Es gäbe natürlich noch vieles andere darüber zu sagen, aber ich wollte das Thema eigentlich auch nur kurz anschneiden.
Wenn man übrigens bedenkt, dass statistisch gesehen wohl jede vierte(!) Frau sexuellen Missbrauch in ihrem Leben erfahren hat, dann ist das erstens unglaublich schlimm und zweitens erstaunlich, dass diese Problematik in der Gesellschaft kaum im entsprechenden Maße thematisiert wird. Schließlich handelt es sich ja traurigerweise um ein regelrechtes Massenphänomen!
Auf jeden Fall sollten wir Christen die Missbrauchsopfer öfters in unser Gebet einschließen.
Ich habe übrigens Deine Website auf meinem Blog verlinkt. Vielleicht kann das dem einen oder anderen Missbrauchsopfer eine Hilfe sein.

2. Stef - 14. Mai 2010

Und noch ein Nachtrag:
Gestern berichtete idea.de über eine Podiumsveranstaltung zum Thema sexueller Missbrauch auf dem 2. Ökumenischen Kirchentag in München: Für Missbrauchsopfer gibt es zu wenig Hilfsangebote

3. Stef - 19. Januar 2011

Zum Thema „sexueller Missbrauch“ gibt es übrigens noch ein paar weitere (aktuelle) Kommentare bzw. Hinweise, die (nicht ganz passend) zum Blogbeitrag „Geistlicher Missbrauch“ eingetragen wurden: https://sschweizer.wordpress.com/2009/03/15/geistlicher-missbrauch/#comment-2281

4. Stef - 19. Januar 2011

Hier noch der direkte Link zur „Hotline für Opfer sexuellen Missbrauchs“ der Deutschen Bischofskonferenz: http://www.hilfe-missbrauch.de


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